Sonntag, 25. August 2013

Lernen III - Irrelevanz des Selbst

"Dem Lernen III dagegen geht es um eine nichttriviale, fast möchte ich sagen, nichtverächtliche, nichtdepressive und auch nichtökonomische Irrelevanz des Selbst. Nur hier kann in einem wirklich ernst zu nehmenden Sinne Montaignes 'Schlendern' stattfinden. Bateson nimmt zur Verdeutlichung dieser Möglichkeit an, dasss nicht nur eine Ebenenverschiebung von Kontexten auf Kontextmarkierungen und damit ein so ökonomisches wie engagierendes, charakterbildendes Lernen möglich ist, sondern auch eine Ebenenverschiebung von Kontextmarkierungen zu Kontexten von Kontexten. In dem Maße, schreibt er schließlich, wie ein Mensch Lernen III erreicht und es lernt, im Rahmen der Kontexte von Kontexten wahrzunehmen und zu handeln, wird sein 'Selbst' eine Art Irrelevanz annehmen. Der 'Begriff  'Selbst' wird nicht mehr als ein zentrales Argument in der Interpunktion der Erfahrung fungieren." (Lehmann, Theorie in Skizzen, S. 125f, Merve 2011)

Lernen III wäre die Herausforderung für unsere Arbeit mit jungen Erwachsenen zwischen Schule und Beruf. Es würde nicht nur die Person des Jugendlichen als Kontext von Kontexten sichtbar machen können, sondern auch die Beratenden als Kontext von Kontexten beschreibbar machen können. Das ist schwierig.

"Schon der Versuch kann gefährlich sein, und einige werden dabei scheitern. Diese werden von der Psychiatrie oft als psychotisch etikettiert, und viele von ihnen sehen sich daran gehindert, das Pronomen der ersten Person zu benutzen. Für andere ... kann die Auflösung der Gegensätze ein Zusammenbruch von vielem sein, was auf Ebene II gerlernt wurde, und zur Offenbarung einer Einfachheit führen, in der Hunger direkt zum Essen führt und das identifizierte Selbst nicht mehr für die Organisatin des Verhaltens verantwortlich ist." (ebenda)

Dienstag, 6. August 2013

Lernen II - Höchstrelevanz des Selbst



Wenn man also das Ich als hinterlassene Spur der Unterscheidung „Kommunikation/Denken“ vermutet, dann könnte man sich Batesons Lernstufen zuwenden. Ich habe einen wunderschönen Teil einer Beschreibung von Maren Lehmann aus dem Buch „Theorie in Skizzen“ übernommen:

„Das Lernen II situiert den sich Verhaltenden als Lernenden in seinem im Laufe der Zeit immer komplexer werdenden mit immer weniger Aufwand auszubauenden Kontext. Lernen II ist nichts anderes als ‚Lebenslauf‘ (eine Beziehungsabfolge), …. Wenn ich auf der Ebene des Lernens II stehen bleibe, bin ‚jch‘ die Gesamtheit derjenigen Charakteristika, die ich als meinen Charakter bezeichne. ‚Ich‘ bin meine Gewohnheiten, im Kontext zu handeln und die Kontexte zu gestalten und wahrzunehmen, in denen ich handle. Individualität ist ein Resultat oder eine Ansammlung aus Lernen II. Durch Lernen II wird also… die Höchstrelevanz des Selbst ermöglicht. … Ein höchstrelevantes Selbst kann nicht aufgeben, nicht verzichten, nicht locker lassen, keine Auswege finden, das ist  - könnte man vermuten – der Preis für die Ökonomie seiner ‚Beziehungsabfolgen‘.“  (S. 125)

Dienstag, 2. Juli 2013

Niemand ist da

Die Frage, wie weit man die Auflösung der eigenen Identität betreiben darf, hängt von der individuellen Verträglichkeit ab. Wer hält es aus, niemand zu sein. Stellt man sich vor, man selbst sei eine Ansammlung von Collagen der Selbst- und Fremderwartungen, dann wird es richtig anstrengend und haltlos. Einen Halt fände man in der Leere (oder Fülle) der Differenz von Selbst- und Fremderwartung. Nach Derrida (er möge mir verzeihen) wäre "man" die Spur, die entsteht, wenn Selbst- und Fremderwartungen oszillieren.
Ich möchte in loser Folge an dieser Stelle einmal ausprobieren, für diese substanzlose Sicht Plausbilitäten zu finden.


Mittwoch, 26. Juni 2013

Mittelstandsforum in Duisburg

Wer Interesse hat, interessante Gespräche mit Unternehmen Duisburgs, mir und meiner Kollegin zu führen, komme doch bitte zu dieser Veranstaltung. 
Beste Grüße, bis dahin

Samstag, 22. Juni 2013

Kontingenzkompetenz

Ich mache mir seit einiger Zeit Gedanken, welche Haltung ich zu interkulturellen Trainings entwicklen könnte. Seit einigen Tagen wird mein Stand fester und ich meine, auf einer brauchbaren Spur zu sein.

Interkulturelle Trainings beherbergen Personen, die mindestens mit Meinungen über und Erwartungen an Menschen ausgestattet sind. Der Versuch, diese Meinungen und Erwartungen gegen alternative (interkulturell kompetente) Meinungen und Erwartungen „auszutauschen“, wird zuverlässig scheitern, auch wenn der/die Trainer_in den Eindruck hat, mit Schlüsselerlebnissen, neue Sichtweisen installiert zu haben. Spätestens eine Woche nach dem Training rasten die alten Bilder wieder ein und es beginnt dasselbe in grün.

Man müsste „tiefer“ ansetzen. Jenseits von Kultur und Barbarei bewegen wir uns in einer beobachteten Welt, deren „Images“ fungierende Unterscheidungen (in Anlehnung an Peter Fuchs' „fungierende Ontologien“), die weder notwendig noch unmöglich (kontingent) sind – tief durchatmen.

Der Dekonstruktion kommunizierten Rassismus’, kommunizierter Vorurteile und Stereotypen im Rahmen von Trainings sollte kein inhaltlich alternatives Angebot folgen, sondern die Zumutung mit, in, und durch Kontingenz klarzukommen. Wenn es etwas geben könnte, das trainiert wird, dann die Kompetenz mit Kontingenz zu handeln. Stellt man in Rechnung, dass jede Wahrnehmung und Kommunikation grundsätzlich kontingent ist, dann kann man sich getrost der Untersuchung von funktionalen Aspekte seiner Wahrnehmung und Kommunikation zuwenden. Dieses Spiel macht natürlich erst dann Spaß, wenn man „loslässt“, wenn man bereit ist, über sich selbst und anderes zu lachen, wenn man beginnt, respektlos gegenüber Beschreibungen zu werden.

Dem folgt dann eigentlich gar nichts. Es entsteht keine neue Welt. Wir beginnen die „Polykontexturalität“ (Ich verwende den Begriff, "wie er mir gefällt", vielen Dank Gotthard Günther) zu managen und verlieren „unter der Hand“ möglicherweise auch den alten Begriff der Kultur.

Donnerstag, 13. Juni 2013

Organisation und Gesellschaft

Heute hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Ausbilder eines großen Unternehmens. Er ist sehr stolz auf seinen Arbeitgeber, weil er den Auszubildenden Sportangebote macht, Ausflüge organisiert und sich umfänglich um die Azubis "kümmern". Eigentlich, so seine Meinung, sei es die Aufgabe der Gesellschaft, sich um junge Menschen zu kümmern und nicht die (s)eines Unternehmens.

Ich habe mich mich dazu nicht geäußert, ich fragte mich allerdings, wen er denn meint, wenn er von "der Gesellschaft" spricht. Sind Organisationen nicht Teil der Gesellschaft?
Weil die Gesellschaft keine Adresse hat, kann man ihr alles zusenden. Man weiß dann genau, dass nichts ankommt und man kann sich sicher sein, dass sich "die Gesellschaft" nicht wehrt und anderer Meinung ist. "Die Gesellschaft" ist so unsichtbar, unadressierbar, unfassbar wie "Menschen".
Aber trotzdem: Man kann sich ja fragen, ob Unternehmen Erziehungs- und Sozialisationsaufgaben übernehmen können. Mit der Perspektive des Unternehmens kommt man dann mit den "Inklusionsangeboten" an Grenzen, wenn es sich nicht mehr rechnet. Ich hätte dem Ausbilder sagen können, dass es sich rechnet, wenn man den Auszubildenden dieses und jenes anbietet. Nur vor dem Hintergrund des ökonomischen Kalküls werden Angebote gemacht. Damit möchte ich die Unternehmensentscheidungen nicht kritisieren, allerdings halte ich auch keine Lobeshymne auf  sogenannte sehr soziale Unternehmen.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Selbst(un)bewusstsein

Im Rahmen der Zielvereinbarungen mit unseren Auszubildenden wird häufig eine Verbesserung des Selbstbewusstseins angestrebt. Ich finde die Arbeit am Selbstbewusstsein schwierig, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, woran man ein irgendwie geartetes Selbstbewusstsein erkennen kann. Mir scheint das Hantieren mit dem Selbstbewusstsein geschieht ähnlich unbewusst, wie das Werkeln am Menschen mit der schönen Konsensformel, "der Mensch" stehe im Mittelpunkt unserer Arbeit (personenbezogene Dienstleistung). Möglicherweise ist die Rede vom Menschen und des Selbstbewusstseins hilfreich, weil sie einen "wärmt", schnell kommuikativen Anschluss findet und immer "Recht" bekommt.